Der kleine Schneeball

Erste Advent

Der kleine Schneeball saß am Abhang des Berges und ihm wurde ganz schwindelig. Da sollte er runter? Nicht nur das der Abhang steil war, nein, es gab auch noch etliche Tannen, die aus der Erde ragten. Oh Gott, dachte er, wenn ich jetzt nicht richtig lenke und dagegen krache, was geschieht dann mit mir? Kleine Wasserperlen sammelten sich auf seiner Stirn, die sofort wieder zu Eis gefroren und wie kleine Diamanten auf seiner Stirn glänzten.
Mittlerweile war es voll geworden auf dem Berg. Die Schule war aus und alle Kinder des Dorfes hatten sich mit ihrem Schlitten auf den Weg zum Berg gemacht. Der Schneeball kullerte etwas zur Seite und beobachtete, wie die Kinder den Berg heraufkamen. Die etwas größeren Kinder, die schon letztes Jahr gerodelt waren, halfen den kleineren Kindern dabei, ihren Schlitten richtig auszurichten.
„Rechts, links, dann wieder scharf rechts“, hörte er sie sagen und schon „Huihhhhhhh“, ging die Fahrt los.
Der Schneeball kniff die Augen zu, oh Gott, wussten die Kinder denn gar nicht, wie gefährlich das war, doch dann hörte er sie lachen und jauchzen und ganz vorsichtig öffnete er seine Augen. Die Kinder hatten Spaß, so viel Spaß dabei, den Berg herunter zu fahren, dass der kleine Schneeball sich schon fast schämte, dass er immer noch nicht losgekullert war.
Wenn er sich nicht immer solche Gedanken machen würde und so unbeschwert sein könnte, wie diese Kinder.
Auf einmal bekam er einen Schubs. Noch einen und noch einen.
Der Nordwind hatte ihn schon die ganze Zeit beobachtet. Er kannte seine kleinen Schneebälle, die immer zögerten und zögerten und denen man manchmal etwas dabei helfen musste, ihre Angst zu überwinden.
Noch einen Schubs und „Huiiiihhhhhhhhhhhh“ … der Schneeball machte die Augen zu vor Schreck.

Was hatten die Kinder gesagt, rechts, links und dann wieder scharf rechts?
Er nahm all seinen Mut zusammen, konnte so gerade eben mit einer rasanten Rechtskurve der dicken Tanne ausweichen, die blitzschnell auf ihn zuzukommen schien und auf einmal musste er auch jauchzen und lachen, es war doch gar nicht so schlimm. Er machte sich gaaanz groß, nein falsch, er wurde immer größer, weil er unterwegs immer mehr Schnee aufnahm und so rollte und rollte er, wurde immer dicker und dicker und plötzlich bleib er liegen.
Der Hang war zu Ende.
Schade dachte er, jetzt würde ich gerne noch einmal herunterkullern, warum hatte ich nur diese Angst? Auf einmal kam ein kleiner Junge auf ihn zugestapft. „Hast du schon mal so einen dicken und schönen Schneeball gesehen“, fragte er seinen Freund?
Der kleine Schneeball schaute an sich runter und richtig, er war gar nicht mehr klein. Er war der größte und schönste Schneeball, der jetzt am Abhang zu finden war.
Er war stolz auf sich.
Mittlerweile war es spät geworden, am Berg und am Hang und die Kinder waren nach Hause gegangen. Nur ein Schneeball, nein, eigentlich waren es jetzt drei, saßen noch am Berg. Der unterste von ihnen war so groß und kräftig, dass die Kinder einen dreistöckigen, riesengroßen Schneemann gebaut hatten. Wunderschön war er und schon von weitem zu sehen.
Stolz war der Schneeball auf sich. Stolz, dass er den Hang heruntergekommen war und das fast ganz ohne Angst, stolz, dass er jetzt so groß und schön geworden war und die Kinder ihn nach unten gebaut hatten. Er durfte seine Kameraden tragen. Niemals hätte er das gedacht. Ganz leise wehte noch einmal der Nordwind in seine Richtung und hüllte den Schneemann in eisige Kälte.
Die Kinder sollten ihn Morgen so wiederfinden und es wäre zu schade, wenn der Schneeball vor lauter Freude anfangen würde zu schmelzen. Fünf kleine Wassertropfen, die zu kleinen Perlen gefroren und wie Knöpfe auf der Brust des Schneemannes schimmerten, die ließ der Nordwind sitzen.

A. Schmiemann

 

2 Gedanken zu „Der kleine Schneeball

  1. Hallo liebe Uli,

    und schon ist die Zeit gekommen, dass die erste Adventsgeschichte hier öffentlich steht. Ist das schön. 🙂

    Tust du mir aber noch einen klitzekleinen Gefallen? Der Titel heißt korrekt, Der kleine Schneeball.
    Schenkst du dem Schneeball bitte noch ein „kleine“?

    Ich wünsche dir und deinen Lieben eine schöne Vorweihnachtszeit.

    Bis dann
    Astrid

  2. Hallo liebe Astrid,
    auf diesem Wege möchte ich mich ganz herzlich bedanken, dass ich Deine wunderbaren Geschichten auf meinem Blog veröffentlichen darf.
    Vielen lieben Dank!
    Dir und Deinen Lieben auch eine wunderschöne Weihnachtszeit.
    Uli

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