Die erste Adventskerze

Weihnachten

Die Vorweihnachtszeit hatte begonnen und wie es bei vielen Menschen Tradition war, standen überall Adventsgestecke auf dem Tisch.

Auch bei Minos und Fly, 2 Hunden, die in einer Familie im Münsterland wohnten, stand ein Gesteck aus Tannengrün und Weihnachtsschmuck und 4 Kerzen auf dem Esszimmertisch.

Die beiden Hunde freuten sich schon auf die Sonntage, wo immer eine Kerze mehr angezündet wurde, denn dann gab es leckere Weihnachtsplätzchen. Auch für sie fiel immer mal wieder ein Plätzchen ab, was diese Zeit im Jahr zu einer der schönsten Zeit machte.

Dieses Jahr gab es auf dem Gesteck cremefarbene Kerzen, die wie eine Pyramide nach oben verliefen. Die erste Kerze war dabei die größte von allen, musste sie doch auch am längsten durchhalten und brennen. Sie bekam dafür aber auch die ganze Vorweihnachtszeit mit, bis sie am letzten Abend, dem Heiligen Abend, zum letzten Mal brannte. Dann sollte sie ein wunderschöner Weihnachtsbaum ablösen.

Immer schon hatte sich die Kerze gewünscht, diesen Augenblick miterleben zu dürfen, doch trotz all der Länge, die sie mitbekommen hatte, reichte ihre Brenndauer nicht aus. Sie erlosch, bevor der Weihnachtsbaum entzündet wurde. Das machte die Kerze sehr traurig und immer wenn sie daran dachte, perlte ein wenig Wachs an ihrer Seite herunter.

Sie brauchte Hilfe, das stand eindeutig fest.
Jetzt wäre die Weihnachtszeit nicht Weihnachtszeit, wenn hier nicht manch ein Wunder geschieht.
So geschah es, dass die Kerze eines abends, dem dritten Advent, ihre Bitte den beiden Haushunden zutrug. Ja, ihr habt richtig gehört, die Kerze bekam eine Stimme.

„Könnt ihr mir bitte helfen“, flüsterte sie nur für Hundeohren vernehmlich in Richtung der Hundekörbe!
Fly schlief und zwar so fest, dass sie gar nichts mitbekam. Minos dagegen war sofort hellwach und sah sich um. Mit einem kurzen Flackern deutete ihm die Kerze die Richtung in der sie stand.

„Hey du Pelzgesicht, kannst du mir bitte bitte helfen“, fragte die Kerze wieder.

Minos plumpste vor Schreck aus seinem Körbchen. Das hatte er in seiner Laufbahn als Hund noch nie erlebt. Zaghaft winselnd antwortete er, „ja wobei denn“?
Jetzt war auch die kleine Fly wach und reckte und streckte sich. „Was machst du denn da, hast du Gleichgewichtsstörungen von deinem Keks-Weihnachtsbauch, dass du aus deinem Körbchen fällst?“ „Nein“, antwortete Minos, „schau mal in Richtung Esstisch, da will uns wer was sagen.“

Die Kerze machte sich für einen Augenblick besonders dick und streckte ihren Docht in die Höhe, „ja hier ich, ich bin gemeint“. Sie strahlte mit sich selber um die Wette.

Nun hatte auch Fly die Kerze ausgemacht und traute ihren Augen nicht, „ja aber was willst du denn von uns?“

Die Kerze fing an zu erzählen: „Ich habe einen großen Wunsch und zwar möchte ich so gerne den Weihnachtsbaum in seinem Glanz und Leuchten erleben, aber immer wenn es soweit ist, brenne ich aus.“ Ihr sollt mir dabei helfen, dass ich so lange brenne, dass ich einmal unseren Weihnachtsbaum begrüßen darf.

Minos schaute Fly an und Fly Minos, von so einem komischen Wunsch hatten sie noch nie gehört.
Das man sich eine Hundeweihnachts-Wurst, oder ein neues Spieli wünschte, ok, das stand auch immer auf ihrem Wunschzettel, aber das jetzt hier?

„Wie sollen wir das schaffen“? „Ihr müsst sehen, dass ich wenn ich angezündet werde, immer wieder ausgelöscht werde. Wenn ihr mir so Zeit schenkt, dann reicht es aus, um einmal den Weihnachtsbaum erleuchtet zu sehen.

„Hm“, sagte Fly, „dann müssen wir uns mal was überlegen …

Feuer und Flamme war sie nicht für die Idee, doch irgendwie tat ihr die Kerze leid. Irgendwie musste es machbar sein, ihr zu helfen und so legte sie sich zu Minos in den Korb, um mit ihm einen Plan auszuhecken.

Am nächsten Abend ging ihr Frauchen zum Adventsgesteck und zündete wie immer die Kerzen an. Nichts ahnend ging sie dann in die Küche, um das Abendbrot fertig zu machen.

Dadrauf hatten Minos und Fly nur gewartet. Auf Samtpfoten, wie das ging, hatte die Nachbarskatze sie mal gelehrt, schlichen die beiden zum Adventsgesteck. Minos kannte das Kommando gib Laut und mit viel Glück reichte der Luftzug dafür aus, die Kerze zum Erlöschen zu bringen. Minos setzte an und bellte in Richtung der Kerze. „Wumm, Zappenduster und die Kerze war aus.
Nun hieß es die Sekunden zählen, bis Frauchen kam, um zu sehen, warum Minos denn gebellt hatte.
Minos war nicht so gut im Zählen, das überließ er lieber seiner kleinen wuscheligen Freundin Fly.

… 58, 59, 60, 61 und schon ging die Tür auf und Frauchen stand dort. Sie ließ ihren Blick schweifen, doch alles war wie immer. Warum Minos angeschlagen hatte, das wusste er wohl nur selber, na ja, manchmal sind Hunde auch wunderlich. Oh die eine Kerze auf dem Adventsgesteck ist ausgegangen, muss wohl der Durchzug gewesen sein.
Ein ganz leises „Give me five“ war aus dem Hundekörbchen zu vernehmen, in das sich die Hunde schnell geflüchtet hatten.

Am nächsten Tag bekam Frauchen Besuch. Wieder wurden alle Kerzen angezündet und man saß gemütlich am geschmückten Tisch. Erst als der Besuch verabschiedet wurde, sahen Minos und Fly eine Möglichkeit, der Kerze weiter zu helfen.
Kaum stand ihr Frauchen an der Haustür, sprinteten die Beiden zur Kerze. Fly, die von beiden Hunden am meisten Plüsch hatte, der sich auch an der Rute fortsetzte, schwang diese wie einen Propeller und Zack, wieder erlosch die Kerze, nicht ohne den Beiden vorher für ihre Hilfe zu danken.
„Ach Quatsch, ist doch nicht nötig“, antwortete Fly. „Wenn ich im Wald meinen Sprint einlege, benutze ich die Rute auch immer so zum Bremsen. Musst mal sehen, wie das Laub dabei aufwirbelt. Das ist eine meiner leichtesten Übungen.“

Minos zählte derweil die Sekunden, in der die Kerze nun aus war „87, 88, 89, 73, 18!“
Er strahlte Fly an, die kichern musste, weil er immer noch nicht richtig zählen konnte. Was hatte sie schon alles versucht ihm beizubringen, wie man richtig zählte. Sogar sein Hundefutter hatte sie schon zur Hilfe genommen. Allerdings war sie dort selber schon durcheinander gekommen, weil so ab und an ein Knübelchen in ihrer eigenen Schnute gelandet war und bei dem hin und her wusste sie selber nicht mehr so genau, ob alles passte.

„Komm wir runden auf auf 2,5 Minuten“, dann passt das schon. Zufrieden legten die Beiden sich in ihre Körbe.

In den nächsten Tagen blieb der Adventskranz aus. Frauchen hatte einfach zu viel zutun, sodass sie gar nicht dazu kam, sich mal mit Ruhe und einer Tasse Kaffee an den Tisch zu setzen. Auch das war Weihnachten in seiner Vorbereitung.

Minos und Fly freuten sich riesig, denn so blieb diese Zeit die ausgespart wurde dafür übrig, dass der Kerze ihr größter Wunsch erfüllt wurde.
Außerdem konnten sie es sich sparen, den Adventskranz mit einem gehörigen Schluck Wasser aus dem Napf zu ertränken und anderen Ideen nachzukommen, wie zu Zweit die Ballschleuder zu benutzen, oder das Minos die Kerze schlichtweg in seinen Korb entführte. Dabei war ihnen auch nicht richtig wohl gewesen.

So nahte der Heilige Abend.

Alles war weihnachtlich geschmückt und es funkelte aus allen Ecken der Zimmer. Auch ein riesiger Weihnachtsbaum hatte Einzug gehalten, nicht ohne den Spruch an Minos, den doch bitte nicht zu begießen.
Minos setzte ein schuldbewusstes Gesicht auf, aber hey, das war doch schon 2 lange Jahre her, dass er als Junghund das Bein gehoben hatte und es laufen gelassen hatte. Der Baum war aber auch zu verführerisch gewesen mit seinem wundervollen Stamm und die ganze Aufregung des Tages war Minos auf die Blase geschlagen. Jetzt als gestandener Rüde und weihnachtserfahren, hatte er das nicht mehr nötig.

Jetzt hieß es die letzten Stunden zu überbrücken, bis der Abend kam.
Minos und Fly gaben alles, damit auch ja keiner vor dem Abend den Adventskranz anzündete. Ständig wuselten sie um ihre Menschen herum. Sie standen oder lagen im Weg, kamen mit ihrem Spielzeug an und zu guter Letzt wurde sogar Flys Korb mit vereinter Mühe vor den Esszimmertisch geschleift. Barriere nannte sich das, das wussten sie von ihren Freunden.

„Was ist denn heute nur mit den Hunden los“, fragte Frauchen Herrchen? „Die sind ja nicht zum Aushalten!“ bückte sich und brachte das Körbchen wieder zurück an seinen Platz
„Keine Ahnung, man könnte fast meinen, die führen was im Schilde, oder?“ antwortete Herrchen.

Oha, wisperte Fly leise zu Minos herüber, jetzt müssen wir aufpassen. Nein, wir haben es fast geschafft, schau mal, Frauchen gibt das Menschenfleisch in das Ding mit Stiel und bereitet das Abendessen vor.

Bei dem Satz konnte Fly nicht anders, drehte sich um ihre eigene Achse und jagte ihrer Rute hinterher. Das machte sie immer, wenn sie besonders aufgeregt war. Jetzt konnte es los gehen.

Eine Lichterkette nach der anderen erhellte die Räume und die Geschenke wurden unter den Weihnachtsbaum gelegt. Der Tisch wurde festlich gedeckt und die Hundenäpfe mit Leckereien befüllt.

Ein letztes Mal sollte der Adventskranz angezündet werden. Doch oh, wo waren denn die ganzen Streichhölzer geblieben? Fragend schaute Frauchen Herrchen an und Minos, der seine kleine Freundin Fly kannte murmelte, „du hast doch nicht etwa …, „doch“ flüsterte Fly, „geklaut habe ich sie, aber nur rein zur Vorsicht, falls du weißt schon!“.

Genauso vorsichtig, wie sie die Zündhölzer geklaut hatte, sah man nun einen kleinen wuscheligen Wirbelwind eine Packung Zündhölzer in Frauchens Hände gleiten, die immer noch auf der Suche nach etwas Brennbarem im Hause gewesen war. Genau noch passend, bevor Frauchen die Körbe der Hunde inspiziert hatte, denn Fly hatte ALLE Zündhölzer im Hause konfisziert und dann bei sich unter dem Kissen des Korbes versteckt. Unbequem war es gewesen, aber man hält ja aus, wenn man weiß wofür.
„Guck dir die Kleine an, wo hat sie die denn gefunden und vor allem woher weiß sie, dass ich die Streichhölzer suche?“ Herrchen zuckte die Schultern, das sollte, wie so vieles im Zusammenleben mit Hunden wohl ein Rätsel bleiben.
Nacheinander zündete das Frauchen die Kerzen des Adventskranzes an und nacheinander erstrahlte Kerze um Kerze.
Die erste Kerze schaute sich um und entdeckte zuerst ihre beiden hündischen Freunde. Nebeneinander sitzend in einer Ecke des Zimmers beobachteten die Zwei was nun geschah. Selbst ihr mit Leckerchen gefüllter Napf interessierte sie nicht.
Und so sahen die Beiden, nein, die Drei waren es ja jetzt, wie ein Weihnachtsbaum entzündet wurde und mit seinem warmen goldenen Licht zum Weihnachtsfest einlud.

Ein letztes Mal straffte sich die erste Kerze, um ihrem großen Bruder, zu begrüßen und Platz zu machen. Niemals hatte sie erwartet, wie schön die Lichter am Baum glänzen würden, wie kleine leuchtende und schimmernde Diamanten. Rote Kugeln mit goldenem Druck ergänzten das Lichterspiel.
Und so ging sie glücklich und ganz leise und erfüllt mit ihrer letzten Wärme unbeobachtet aus. Einen Moment erschien der Weihnachtsbaum noch heller, als sowieso, wusste er doch, dass seine Schwester, die erste Kerze nun am Ende ihrer Lebensdauer war.

Minos und Fly hatten einen Moment nicht hingeschaut, was sich auf dem Esstisch abspielte. Während ihre Menschen sich umarmten und Pakete austauschten, schlichen die Beiden zum Tisch.

Ein Schelm, der nicht an den Geist der Weihnacht glaubt und auf dem Tannengrün 2 wächserne Herzen findet, genau an der Stelle, wo einst vorher eine besondere Kerze gestanden hatte. Beide Hunde sahen sich an, 2 Pfoten berührten sich kurz und zufrieden wedelten sie mit ihrer Rute. Dann begann auch für diese beiden Fellgesichter ein Weihnachtsfest, dessen Beginn sie nie in ihrem Leben vergessen würden.

A. Schmiemann

Ein Gedanke zu „Die erste Adventskerze

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